Eine neue Welt
Nach einer langen Genesungsphase in Bezug auf mein Knie, ging ich für drei Wochen in eine orthopädische Rehabilitationsmaßnahme und wurde danach „arbeitsfähig“ entlassen. Natürlich wurde lediglich das Knie beurteilt und nicht meine derzeit kaputte Seele.
Die Tatsache, dass ich über ein halbes Jahr lang arbeitsunfähig war, machte mir den Einstieg in den Job nicht einfacher. Ich sag‘ mal so „von 0 auf 100“ war vielleicht nicht meine beste Idee. Stress war an der Tagesordnung und durch meinen Enthusiasmus machte ich Fehler, die ich sonst nie gemacht hätte.
Dieser Stress zeigte sich auch mental. Und wer kennt es nicht: „Wieso klappst du bei dem ganzen Stress nicht zusammen? – Keine Zeit!“ Das war das Motto, welches ich lange lebte.
Ein Filialwechsel im Jahr 2018 brachte wieder etwas Ruhe in mein Arbeitsleben. Somit konnte ich mich wieder auf mich und meine privaten Baustellen konzentrieren – was vorerst nur schwer funktionierte.
Ich legte die Therapie auf alle zwei Wochen fest und setzte mich mit dem Thema nicht mehr richtig auseinander. Die Folge davon war, dass ich für einige Zeit verdrängt und nicht verarbeitet habe. Durch meine „Verdrängungsstrategie“ konnte ich fast ein Jahr lang so leben, als würde ich mit dem Verlust gut auskommen. Das hört sich gut an, oder? Na klar, wer wünscht sich das nicht?
Und dennoch merkte ich, tief in mir drin, dass ich mich veränderte. Ich konnte nur nicht beschreiben, wie. Ich fühlte mich plötzlich in einer neuen Welt, als wäre ich in meiner ganz eigenen, ich nenne es mal, „Bubble“.
2019 wurde meine Veränderung auch für andere merkbar. Die einen sagten „Du hast dich zum Negativen verändert“ oder „Du bist doch sonst nicht so oft ausgegangen“. Andere wiederum machten mir Komplimente „Du wirkst so frei“ oder „Du bist viel selbstbewusster geworden“. Alles habe ich mir natürlich zu Herzen genommen und alles, ausnahmslos alles, wurde in meinem Kopf analysiert, bewertet und zu guter Letzt für gut oder schlecht befunden. Ich sag‘ dir, das ist ganz schön anstrengend, wenn man bedenkt, dass man mit sich selbst erstmal ins Reine kommen muss.
Im selben Jahr lernte ich einen Menschen kennen, der aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken ist. Er ist mein bester Freund, mein Gewissen, wenn ich mir mal wieder zu viele Gedanken mache und mein Fels in der Brandung. Die Begegnung mit ihm trug maßgeblich dazu bei, dass ich heute der Mensch bin, der ich bin. Ich lernte durch ihn, wie es ist zu leben, dass ich auch mal „nein“ sagen darf und dass ich auf die Meinung anderer nicht immer viel Wert legen sollte. Er hat recht, es umzusetzen ist da ein anderes Kapitel.
Plötzlich merkte ich, wie ich mich auch äußerlich wieder zu dem Menschen entwickelte, der ich tief im Inneren bin. Ich färbte mir die Haare wieder rot, ließ mir neue Piercings stechen und Ballerinas machten für weitere „Converse Chucks“ Platz in meinem Schuhschrank.
Ich fühlte mich plötzlich wieder viel wohler in meiner Haut.
Hast du auch einen Lieblingsmenschen, der dir in solchen Zeiten hilft? Wie gehst du mit Kritik um?
Es tut so gut, wenn man merkt, dass das andere Ich noch in einem schlummert. Versuch‘ dich mal daran zu erinnern, ob du immer die Person warst oder bist, die du selbst gerne wärst. Und dann überlege dir, wieso du es vielleicht nicht sein kannst oder möchtest. Vielleicht erkennst du auch ein ganz neues Ich.
