Aufarbeitung und Gefühlschaos
Der Tod meines Opas schien für mich nach langer Zeit „okay“ zu sein. Je mehr ich darüber nachdachte, desto weniger „okay“ war es aber plötzlich. Ich erinnerte mich an Sachen, die wir erlebt hatten und an die Zeit, in der er den Kampf gegen den Krebs, nach einer schweren Operation, doch verlor. Mein Opa war der erste Mensch, der in meinem noch recht jungen Leben von uns ging. Um zu verstehen, was das genau bedeutete, war ich noch zu jung.
Durch die Gedanken an meinen Opa, kamen auch Erinnerungen aus den letzten Jahren wieder ans Tageslicht – an meine Oma, meinen zweiten Opa und ganz präsent an meinen kleinen Bruder.
Ich wusste anfangs nicht, woran ich zuerst denken sollte, was ich als Erstes versuchen sollte zu verarbeiten, bis mir klar wurde, dass es egal ist, was zuerst kommt – Die Hauptsache war, ich fange an.
Also blieb ich vorerst bei der Geschichte meines Opas. Er kämpfte bis zum Schluss und der Gedanke daran, erfüllt mich immer wieder mit Stolz, da ich weiß, dass ich, genau wie er, ein Kämpferherz habe. Das hielt und hält mich aufrecht. Ich bin ihm aus tiefstem Herzen dankbar dafür. Jeder nimmt etwas von seinen Eltern und Großeltern mit, ich bekam von ihm wohl das Wertvollste. Ich beschloss, einen letzten Brief zu schreiben und den, sobald ich wieder zu Hause bin, in einem selbst gebastelten Boot zu Wasser zu lassen. Dabei sollte ein Bild von uns und ein Teelicht nicht fehlen.
Diese Idee setzte ich dann auch sehr zeitnah um. Ich ging also mit meinem besten Freund zusammen an den nahe gelegenen Fluss, so konnte ich mich auf meine ganz eigene Art und Weise von ihm verabschieden. Als das Boot zu Wasser ging, verfolgte ich es, bis ich es nicht mehr sah, bis ich wusste, es ist angekommen.
Zurück zu meiner Reha.
Meine Gedanken kreisten Tag und Nacht, mein Schlaf wurde schlechter, ich war schier endlos traurig, habe viel geweint und war in mich gekehrt. Auch an Unternehmungen, die meine Bekanntschaften machten, hatte ich kein großes Interesse – ich war sehr mit mir und meinem Inneren beschäftigt. Als meine Oma und mein zweiter Opa mir durch den Kopf gingen, wusste ich, dass ich mit dem Gedanken, sie verloren zu haben, gut umgehen konnte. Meine Oma konnte ich im Krankenhaus verabschieden, als sie das letzte Mal meine Hand drückte und mein Opa war sehr krank und hatte ein hohes Alter erreicht. Das sind Dinge, die man nicht wegdenken kann. Es ist schwer, darüber nachzudenken und ich vermisse sie unendlich – aber ich habe es akzeptiert, dass sie von uns gingen.
Da ich es schaffte, den Tod meiner Großeltern zu akzeptieren, anzunehmen und zu verarbeiten, war ich der festen Überzeugung, dass ich das auch bei meinem Bruder schaffe – doch der Weg ist bis heute nicht zu Ende – denn da ticken die Uhren ein wenig anders – aber wie konnte ich das lösen?
