Nächster Halt: Therapie

Als der Tod meines Bruders ungefähr ein halbes Jahr her war, wurde mir empfohlen, ich solle „doch mal zum Arzt gehen“. Da ich diesen Vorschlag bis dato immer abgetan hatte, ging ich dann letzten Endes widerwillig doch dort hin.

Mit den Worten „Hallo, ich würde gerne etwas zur Beruhigung bekommen“, begrüßte ich meine Hausärztin. Im weiteren Verlauf wurde natürlich weiter nachgebohrt, was mich zum Zusammenbruch brachte. Sie zog mich anschließend für eine Woche aus dem Verkehr und empfahl mir eine Psychotherapie und ein bisschen Ruhe – „Vielleicht fahren Sie ja ein paar Tage in den Urlaub und erholen sich ein wenig“.

Eine Therapie? Ich? Ist es nicht normal, dass man trauert? All diese Fragen stellte ich mir, doch die eine bleibt bis heute unbeantwortet: Was ist schon normal?

Ich bin der Meinung, dass jede: r Einzelne von uns, alles, was ihm/ihr passiert auf die eigene Art und Weise verarbeitet, akzeptiert oder eben nicht. Und genau das ist es doch, was uns Menschen ausmacht. Wir sind emotional, erleben Dinge alle unterschiedlich und gehen auf den verschiedensten Wegen mit guten oder schlechten Ereignissen um.

Ich habe häufig diese Momente, in denen ich denke, es sei nicht „normal“, was ich gerade tue oder wie ich gerade von einem Quergedanken zum anderen komme. Leider hatte ich auch schon oft solche Art Begegnung mit Menschen, die mein Verhalten oder meine Aussagen als eher „unnormal“ beschrieben oder dargestellt haben.

Aber letzten Endes weiß ich, dass es mir egal sein kann, was andere denken. Wenn ich es gerade als richtig empfinde, allein sein zu wollen, ist das richtig, richtig für mich und den Moment – ich höre einfach mehr auf mein Inneres. Und seien wir mal ehrlich, ich finde auch nicht immer alles gut, was andere sagen oder machen. Und dennoch sag‘ ich die meiste Zeit einfach nichts und akzeptiere die Gefühle und Meinungen des Gegenüber – denn Akzeptanz ist einer der wichtigsten Aspekte.

Mal Hand aufs Herz, andere akzeptieren, wie sie sind, wie sie sich verhalten oder wie sie sich mir gegenüber zeigen, darin bin ich gut. Allerdings bin ich wirklich schlecht darin, meine Gedanken und Gefühle so hinzunehmen, wie sie gerade kommen. Das ist ein ganz schöner Zwiespalt, sage ich dir.

Zurück zu der Idee mit der Therapie. Ich bin ein sehr reflektierter Mensch (geworden). Dementsprechend habe ich auf den Rat meiner Ärztin gehört und mir die Ohren, bei dem Versuch einen Termin zu bekommen, wund telefoniert. Zu guter Letzt bekam ich einen Ersttermin bei meinem Psychotherapeuten, bei dem ich noch heute in Behandlung bin.

Ich möchte jedoch erwähnen, dass ich zwar dem Rat gefolgt bin, ich jedoch selbst merkte, dass ich etwas tun muss. Ich musste mich dem Dämon stellen und – auch wenn ich wusste, dass es hart wird – ihm die Stirn bieten.

Ganz klar ist: „Der Klick im Kopf muss von ganz allein kommen“. Zu einem früheren Zeitpunkt leugnete ich meine mentale Verfassung und dachte auch nicht an Therapie, bis zu jenem Tag bei meiner Ärztin.