Sonnenkind und Schattenkind: Wie ich mich selbst sehe

In der Gruppentherapie mit meiner Bezugstherapeutin kamen wir eines Tages auf die Thematik „Sonnenkind und Schattenkind“. Was das ist? Das erkläre ich dir gerne.

Stefanie Stahl, Psychotherapeutin und Autorin des Buches „Das Kind in dir muss Heimat finden“, sagt, dass unser inneres Kind in zwei „Wesen“ aufgeteilt ist. Unser Schattenkind, das verletzte innere Kind und das Sonnenkind, das fröhliche innere Kind. Diese beiden stehen dem inneren Erwachsenen gegenüber.

Laut Stefanie Stahl „steht das Schattenkind symbolisch für alle negativen Kindheitsprägungen, die wir in Form von – zumeist unbewussten – Denkmustern und Verhaltungsprogrammen mit in unser Erwachsenenleben übernehmen.“ Das Sonnenkind hingegen „symbolisiert unsere positiven Kindheitserfahrungen, aber auch, ganz wichtig: Alles, was wir uns als Erwachsene selbst neu erlernen können. Das Sonnenkind stellt den positiven Zielzustand dar.“

Wieso ich das alles erzähle?

Ich setzte mich in der Reha ganz besonders mit meinem Schattenkind auseinander und den Erfahrungen, die ich in meiner Kindheit machte.

Wenn ich über die Jahre im Kindesalter nachdenke, habe ich lediglich gute Erinnerungen. Das ist erst einmal nichts Unnormales oder gar verwerfliches. Im Gegenteil, ich denke, ich habe das große Glück, dass ich genau die Familie habe. Meine Geschwister und ich waren stets sehr behütet, umsorgt und wurden mit Liebe überhäuft. Mein großer Bruder ist ungefähr zehn Jahre älter als ich, drei Jahre nach mir, erblickte unser kleiner Bruder das Licht der Welt – dass etwas „anders“ war, war meinen Eltern vorerst nicht bewusst. Da ich erst drei Jahre jung war, kannte ich es nicht anders. Mein kleiner Bruder kam mit einer mehrfach 100-prozentigen Schwerbehinderung zur Welt. Was für meine Eltern und meinen großen Bruder große Veränderung bedeutete, war für mich normal.

Dass ein Mensch mit Behinderung durchaus mehr Aufmerksamkeit bedarf als eine gesunde Person, brauche ich dir nicht erklären. Allerdings habe ich auch diesen – ich nenne es mal – Umstand auch immer als „normal“ angesehen. Es war halt so und das war okay.

Aber was genau hat das nun mit meinem Schattenkind zu tun?

Ich habe in der Reha herausfinden können, dass ich negative Glaubenssätze verinnerlicht habe. Die Besonderheit daran ist, dass ich sie mir als Kind selbst einredete und einverleibte. Beispielsweise der Satz: „Ich möchte niemandem zur Last fallen.“ Genau das möchte ich heute auch nicht. Dass ich das niemals war, ist mir klar, aber dennoch hat mein Schattenkind genau das wahrgenommen – „Mein Bruder braucht meine Eltern gerade mehr“. Heutzutage denke ich fast jeden Tag „Nein, ich erzähl‘ das lieber nicht, ich möchte ja nicht nerven, weil ich das schon so oft erzählt habe.“ Vollkommen an den Haaren herbeigezogen.

Ich persönlich finde es sehr spannend, dass ich genau das weiß, es aber einfach nicht umsetzen kann, weil sich irgendetwas in mir sträubt – was genau das ist, weiß ich selbst nicht. Und die Suche danach geht immer weiter.

Vielleicht denkst du auch oft an Dinge, die für andere irreal sind? Mich würde interessieren, wie du damit umgehst.