Jetzt geht's ans Eingemachte
Als ich ein halbes Jahr nach dem Tod meines kleinen Bruders für ein paar Tage ans Meer fuhr, kam mir die Idee mein Erlebtes niederzuschreiben. Meine Augen waren mit Tränen durchflutet, doch meine Finger tippten weiter. Am Ende kam ein sehr persönlicher, ehrlicher und zutiefst trauriger Text dabei herum. Diesen Text haben bis heute lediglich meine beste Freundin und meine Therapeutin in der Reha gelesen.
Zweitere wusste anfangs nicht so recht, was sie sagen sollte, und äußerte sich mit den Worten „Das ist sehr toll geschrieben, sehr nahbar und persönlich. Man konnte sich ein wenig in Ihre Situation hineinversetzen.“ Wieso ich ihr diesen Text gegeben habe? Damit sie ein bisschen nachvollziehen kann, wieso ich so fühle, wie ich es ihr beschreibe – das scheint mir gelungen zu sein.
Die Therapiestunden im Einzelgespräch waren sehr tiefgründig und regten mein Gedankenkarussell mehr und mehr an. Manchen Abend wusste ich nicht wohin mit mir, ich war nervös, konnte nicht stillsitzen, gleichzeitig war ich ruhig, unnahbar und in mich gekehrt. Ich wollte es auf irgendeine Weise verarbeiten – komme was wolle.
Gleichzeitig zur Einzeltherapie stand die Gruppentherapie „Trauerbewältigung“ auf dem Stundenplan. Hier war ich unter Gleichgesinnten. Jeder hier hat jemanden verloren, mit dessen Verlust er oder sie nicht klarkam. Auf der einen Seite ein Gefühl von Sicherheit, auf der anderen der Gedanke, dass mich doch niemand verstehen kann. Dass das im Grunde niemand muss oder gar kann, wurde mir jedoch schnell klar.
Als ich das erste Mal davon erzählte, was mir passiert war, brach ich vollkommen in Tränen aus, konnte kaum reden und war unendlich verzweifelt. Es tat gut, Menschen um sich zu haben, die ähnliches durchmachten.
Hier ein kleiner Auszug aus meinem Tagebuch:
„Als ich dran war, konnte ich gar nicht richtig reden. Ich japste nach Luft, hatte einen riesigen Kloß im Hals und dann brach es aus mir heraus „Ich habe vor fünf Jahren meinen kleinen Bruder verloren“. Es ist so unfassbar schwer, das auszusprechen und selbst beim Schreiben dieser Zeilen steigen mir die Tränen in die Augen. Ich kann es einfach nicht begreifen. Ich habe dann auch erzählt, dass mit dem Verlust noch so viel mehr kam, was mich aus dem Stuhl gehauen hat, um es gelinde auszudrücken.“
Die Abende nach der „Trauerbewältigung“ waren düster, noch dunkler, als sie ohnehin schon waren. Durch ein Gespräch mit dem therapeutischen Oberarzt wurden mir zwei Wochen Verlängerung zugesichert. Das war auch gut, denn zu dem Zeitpunkt wusste ich, dass es nicht gut für mich wäre, kurz vor Weihnachten wieder arbeiten zu müssen – dazu sollte ich erwähnen, dass Weihnachten nicht mehr das ist, was es mal war, seit mein kleiner Bruder nicht mehr bei uns ist.
Diese zweiwöchige Verlängerung bot mir also die Möglichkeit noch weiter in mein Innerstes vorzudringen und so noch mehr herauszufinden, was ich brauchte, um den Tod meines Bruders zu verstehen.
Außerdem hatte ich die Möglichkeit, weitere Therapie-Angebote wahrzunehmen. Ich entdeckte Yoga für mich. Es entspannt mich und bringt mich auf ein ruhigeres Level. Hast du auch schon einmal Yoga ausprobiert? Glaube mir, es lohnt sich.
