Autor: Carina

Bereits am ersten Tag hatte ich ein Begrüßungsgespräch bei meiner Bezugstherapeutin. Eine sehr nette und aufgeschlossene junge Frau. Sie besitzt eine sehr ruhige Ausstrahlung, was es mir einfacher machte, mich auf das Gespräch einzulassen.

Die Ankunft war stressig, weil ich nicht so ganz wusste, wo ich hinmusste. Aber wir haben es dann doch noch rechtzeitig geschafft. Aufgrund der herrschenden Corona-Regelungen durften meine Eltern nicht mit auf mein Zimmer, sie verabschiedeten mich also auf dem Parkplatz vor der Klinik und schauten mir so lange hinterher, bis ich nicht mehr zu sehen war. Ich durfte direkt auf mein Zimmer – dort angekommen atmete ich tief durch und war mir noch gar nicht bewusst, was die nächsten Wochen auf mich zukommen wird.

So ging es also los – auf nach Bernkastel-Kues an die Mosel. Angesetzt sind fünf Wochen Klinikaufenthalt.
Aber was bedeutet es eigentlich „so lang‘“ von zu Hause weg zu sein? Worum muss man sich kümmern oder was sollte man regeln?

Nach meinem Bezug der eigenen Wohnung sprach mein Therapeut mich auf eine Rehamaßnahme an, die am besten über einen längeren Zeitraum gehen sollte – sechs Wochen, sagte er, wären ein gute Idee.
Ich hatte bereits vorher über eine solche Maßnahme nachgedacht, mich aber immer gesträubt es selbst anzusprechen.

Mit der Trennung kam natürlich viel neues auf mich zu. Was soll ich sagen? Ich brauchte mich auf einmal nicht mehr rechtfertigen, ich konnte das machen, worauf ich gerade Lust hatte, und wusste mehr und mehr, wer ich bin und wer ich sein möchte.

Dass ich plötzlich wieder meine Lieblingsmusik hörte und überwiegend schwarze Kleidung trug, fiel mir im ersten Moment nicht auf. Ich kann dir nicht sagen, wann ich das bemerkte, aber irgendwann kam dieser Augenblick, in dem ich genau das fühlte: „Wow, meine Lieblingsmusik habe ich aber lange nicht gehört“ oder der Blick in den besonders „dunklen“ Kleiderschrank wurde mir auf einmal bewusst. Ich erfreute mich an diesem Zustand des „Ankommens.“

Nach einer langen Genesungsphase in Bezug auf mein Knie, ging ich für drei Wochen in eine orthopädische Rehabilitationsmaßnahme und wurde danach „arbeitsfähig“ entlassen. Natürlich wurde lediglich das Knie beurteilt und nicht meine derzeit kaputte Seele.

Zu dem Zeitpunkt, als meine Therapie startete verletzte ich mich leider massiv am Knie, sodass ich zu allem Übel über sieben Monate daheim und krankgeschrieben war.
Die Worte meines Therapeuten waren: „Ihr Körper nimmt sich das, was er braucht!“. Erst im Nachhinein habe ich verstanden, was er meinte.

Als der Tod meines Bruders ungefähr ein halbes Jahr her war, wurde mir empfohlen, ich solle „doch mal zum Arzt gehen“. Da ich diesen Vorschlag bis dato immer abgetan hatte, ging ich dann letzten Endes widerwillig doch dort hin.

Während ich merkte, dass meine Lieben um mich herum so langsam wieder Licht sahen, begann bei mir die große Dunkelheit. Ich nenne mich gerne „Meister der Verdrängung“ und meine das auch so. Arbeit und Studium, sowie häufiges „Ausgehen“ und Dinge tun, nur um nicht allein sein zu müssen ist eine Art der Verdrängung, die für mich persönlich nur selten gut ausgeht.